Einblicke in das Dorfleben

Seit  dem 1. Mai diesen Jahres leben und arbeiten 20 Pioniere, im Rahmen des Summer of Pioneers, für ein halbes Jahr in Homberg (Efze). Sie stammen u.a. aus Berlin, Hamburg, Jena, dem Rhein-Main-Gebiet und Wien.

Für die Stadt Homberg sollen Projekte angestoßen werden, wie z.B. die Digitalisierung in Stadt und Land voranzutreiben oder auch Ideen zu entwickeln, wie man ungenutzte Geschäftsflächen in einer Stadt gemeinwohlorientiert mit Leben füllen kann.

Die Natur finden sie inspirierender als Hochhausschluchten und was liegt da näher, als sich auch für das Leben außerhalb der Stadt, also in den Ortsteilen Hombergs zu interessieren?

So entschloss sich der Verein Dorfgemeinschaft Welferode, zu der auch die Backgruppe gehört, ganz spontan, die Pioneers zu einem Workshop Brotbacken nach Welferode einzuladen.

„Wir wollen den ‚Städtern‘ mal zeigen, wie wir alte Traditionen pflegen, wie wir leben und wohnen und vor allem auch, wie eine gute Dorfgemeinschaft funktioniert, sagt Karl-Ernst Paul, ein Welferöder Urgestein und seit mehreren Jahren ein engagierter Angehöriger der Backgruppe.

Am vergangenen Wochenende traf man sich im Dorfgemeinschaftshaus in Welferode, um nach einem überlieferten Rezept das mittlerweile über die Grenzen Welferodes hinaus bekannte Brot gemeinsam zu backen.

Unter fachkundiger Anleitung wurde bereits am Freitagabend der Vorteig angesetzt und am Samstag wurden 47 Brotlaibe geformt und im über 100 Jahre alten Backhaus gebacken.

Die Backzeit des Brotes nutzte man, um im Dorfgemeinschaftshaus gemeinsam verschiedene Sorten von selbstgebackener Lummelose zu verkosten und um ins Gespräch zu kommen.

Einige Pioneers unternahmen auch einen Spaziergang durch das Dorf.

Klaus Ohlwein, einer der Feuermeister der Welferöder Backgruppe, lud Verena Töpper, die hauptberuflich als Redakteurin beim SPIEGEL arbeitet und deren Motivation die große Frage „Wie wollen wir leben?“ ist, zu sich nach Hause ein und stellte ihr sein „Sonnenhaus“ vor. Dabei betonte er, dass das Leben auf dem Land, nicht zwangsläufig bedeute, in einem Fachwerkhaus zu wohnen.

Resümee unseres Ortsvorstehers Hans-Joachim Schwietering: „Eine durchaus gelungene Veranstaltung sowohl für die Pioneers, als auch für die Dorfgemeinschaft. Sollte der Aufenthalt der Pioneers in Homberg verlängert werden, kann man gerne über eine zweite Veranstaltung nachdenken.“

Text und Fotos: Rolf Walter


Verena Töpper, Teilnehmerin des “Summer of Pioneers” und Teilnehmerin am Backworkshop der „Backegruppe Welferode“, hat für uns einen kleinen Erfahrungsbericht geschrieben.

Hierfür recht herzlichen Dank, wir freuen uns über dieses positive Feedback:

Wenn Ilse schmatzt, ist der Teig fertig. Dann kann er zurück in den Trog zum Ruhen. Mit dieser Erkenntnis begann mein zweiter Tag des Brotback-Workshops, zu dem die Backegruppe Welferode mich und die anderen Teilnehmer des “Summer of Pioneers” in Homberg eingeladen hatte. 

Ilse war mir schon am Abend zuvor vorgestellt worden: Sie ist eine silbrig glänzende alte Dame, genauer gesagt – eine Knetmaschine aus DDR-Zeiten. Was sie für Höchstleistungen vollbringt, wurde mir klar, als ich versuchte, parallel zu ihr zu arbeiten. Mit den Armen bis zu den Ellenbogen im Teig knete ich immer neues Mehl in die klebrige Masse in der riesigen Plastikwanne, der Teig wurde immer zäher, meine Finger konnte ich kaum noch bewegen – und doch war “mein Teig” noch weit entfernt von dem gleichmäßigen Klumpen, den Ilse schon schmatzend vermeldete. 

Ich habe schon häufiger Brot gebacken und sogar mal an einem Brotbackkurs der Hamburger Volkshochschule teilgenommen, aber zwei Workshoptage und 46 Roggenbrote später muss ich sagen: Ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukam!

1,5 Kilogramm Sauerteig, 25 Kilogramm Roggenmehl, eine Tüte Dinkelmehl, dazu Leinsamen, Sesam, zwei Eimer Schrot und mehrere Flaschen Schwarzbier – schon die bloße Menge der Zutaten war für mich eine Sensation und hatte so gar nichts gemein mit den Mengen, die ich sonst verarbeite. 

Unter der fachkundigen Anleitung von Karl-Ernst und Rolf vermengte ich mit den bloßen Händen all diese Zutaten zu einem erst glibberigen und dann zunehmend fester werdenden Teig. Immerhin: Meine Einschätzung der optimalen Konsistenz des Teigs deckte sich mit denen der Profis. 

Beim nächsten Schritt kamen neue Lehrerinnen hinzu: Erika und Regina zeigten mir, wie aus Klumpen gleichmäßige Teiglinge werden. Und dann, nach all den Stunden harter Arbeit, lernte ich endlich den Hauptdarsteller des Workshops kennen: das mehr als 100 Jahre alte Backhaus. 

Das Konzept der Backhäuser kenne ich aus den Erzählungen meiner Oma, die als Kind viel Zeit bei Verwandten im Vogelsberg verbracht hat. Ich fand es immer spannend, wenn sie davon erzählte, wie sie mit der ganzen Familie Brot, Plätzchen und Kuchen ins Backhaus geschleppt hatte und wie die Teigwaren dort mit riesigen Schiebern in den Ofen “geschossen” wurde. Aber nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich selbst mal dazu die Gelegenheit haben würde, und ich bin zutiefst dankbar für dieses Erlebnis. In dem alten Häuschen vor dem riesigen Ofen zu stehen und zu sehen, wie darin das Feuer lodert, ist etwas ganz Besonders. 

Dass die Glut erst weichen muss für die Brote und diese dann ganz schnell ihre Plätze im Ofen finden müssen, damit nicht zu viel Wärme entweicht – all das war mir neu und erfüllt mich mit Ehrfurcht vor dem Erfahrungsschatz der Backegruppe-Mitglieder. Wie sie es schaffen, das Brot genau richtig zu backen, obwohl sie kaum Möglichkeiten haben, die Temperatur des Ofens zu regulieren, ist phänomenal. Und genau so ist auch das Geschmackserlebnis der Roggenbrote.

Rolf hatte mich gewarnt, dass er sich erst an den Geschmack des selbstgebackenen Brotes habe gewöhnen müssen, weil der so gar nichts mit dem Geschmack der Supermarktbrote zu tun habe. Das stimmt – aber ich war schon nach dem ersten Bissen großer Fan. Außen kross, innen fluffig, einfach perfekt! 

Und ganz nebenbei hat die Backegruppe uns Neu-Homberger auch noch in ein kulinarisches Geheimnis Nordhessens eingeweiht: die Lummelose. Keiner von uns 20 hatte gewusst, was sich hinter diesem Begriff verbirgt. Jetzt werden wir diese Leckerei bestimmt nicht mehr vergessen. 

Danke für alles, es war mir eine Riesenfreude! Und ich hoffe, Ihr gebt noch vielen anderen Praktikantinnen und Praktikanten die Chance, Euer tolles Backhaus erleben zu dürfen.

Verena Töpper